Während unseres Wintertrainings arbeiten wir an Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit unser Sportpferde. Um das Reitergewicht  tragen zu können und sportliche Übungen, sei es einen Trailparcours, Fliegende Wechsel in der Western Riding oder explosive Reining Manöver ausführen zu können, benötigen Pferde trainierte Muskelgruppen. Muskeln sind verantwortlich für Bewegung!
Um Training zu verstehen und unsere Pferde durch gezieltes Training auf sportliche Aufgaben vorzubereiten müssen wir uns ein bisschen mit Anatomie, Physiologie und Biochemie der Muskulatur befassen. Aber keine Angst – we keep it simple!

 

Die Muskulatur

Als Muskulatur wird die Gesamtheit aller Muskeln eines Organismus oder einzelner Körperregionen bezeichnet. Pferde besitzen ca. 520 verschiedene Muskeln. Damit handelt es sich bei der Muskulatur um das massemäßig größte Organ des Pferdes. Die Muskeln machen beim Pferd ca. 50% der Körpermasse aus, beim Menschen hingegen nur ca. 28-30%.

Es werden 3 Arten von Muskelzellen unterschieden:

  1. glatte Muskelzellen (in inneren Organen, z.B. dem Verdauungstrakt, nicht bewusst steuerbar)
  2. Herzmuskelzellen (sie treiben den Kreislauf an, nicht bewusst steuerbar)
  3. quergestreifte Muskelzellen (Skelettmuskulatur), willentlich steuerbar

Die Skelettmuskulatur ist für die willkürlichen und aktiven Körperbewegungen zuständig. Sie kann entsprechend ihrer Lage und Funktion in verschiedene Muskelgruppen eingeteilt werden. Für die Fortbewegung des Pferdes sind vor allem die Stamm- und die Gliedmaßenmuskulatur wichtig.

 

Aufbau des Muskels

Alle Skelettmuskeln bestehen aus Ursprung, Bauch und Ansatz. Der Muskelursprung und der -Ansatz bestehen aus Sehnen, mit denen der Muskel am Skelett fixiert ist. Sehnen sind weniger gut durchblutet als der Muskelbauch, aber sehr elastisch. Der Muskelbauch ist von einer bindegewebigen Hülle umgeben, der Faszie. Der Muskel besteht aus vielen Muskelfaserbündeln, die wiederum aus vielen Muskelfasern bestehen. Die Kontraktion der Muskulatur und damit das Entstehen von Bewegung wird durch chemische oder elektrische Erregung ausgelöst,  die sich entlang der Zellmembran fortsetzt.

Muskelaktivität entsteht entweder durch die Verbrennung von Glucose oder Fettsäuren unter Sauerstoffverbrauch (aerob)  oder durch den Abbau von Glucosemolekülen (anaerobe Energiegewinnung). Damit diese Vorgänge stattfinden können benötigt der Muskel ATP (Adenosintriphosphat). Um ATP herzustellen zu können, speichert der Muskel Glucogen als Rohstoff.

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Ziel beim Muskelaufbau ist die Verdickung vorhandener Muskelfasern, auch Hypertrophie genannt. Muskelhypertrophie findet statt, wenn die Muskulatur über ihr normales Leistungsniveau hinaus beansprucht wird.

 

Muskelfasertypen

Ob Muskelaufbau gelingt, hängt nicht nur vom richtigen Training ab, sondern auch von der Art der Muskelfasertypen ab. Betrachtet  man die Muskulatur von menschlichen Sportlern, so fällt auf, dass sich die Muskulatur von Langstreckenläufern sich von jener der Gewichtheber augenscheinlich unterscheidet. Der Langstreckenläufer hat meist eine langgezogene, sehnige Muskulatur, die nicht ganz so kraftvoll kontrahiert, aber nur langsam ermüdet und damit ausdauernder ist. Der Gewichtheber hingegen hat einen gedrungenen Muskelbau, der viel Kraft entwickelt, aber schneller ermüdet. Auch bei unseren Pferden gibt es verschiedene Muskelfasertypen, die genetisch festgelegt sind.

 

Slow twitch, Typ I Ausdauermuskulatur

Typ I  Muskelfasern sind auf Dauerleistung mit begrenztem Kraftaufwand ausgelegt. Sie sind sehr ermüdungsresistent, weisen aber ein vergleichsweise geringes Kraftniveau auf. Man kann sie daher auch als Ausdauer-Muskelfasern bezeichnen.

Ermüdung sehr langsam
Kontraktion langsam
Kraft gering
Volumen dünner
„Slow twitch“-Muskelfasern findet man z.B. ver­mehrt bei Distanzpferden.

 

Fast twitch Typ II A und B

Typ II Muskelfasern ermüden schnell, sind dafür aber in der Lage, enorme Kraft zu entfalten. Man kann sie daher auch als Kraft-Muskelfasern bezeichnen.

Sie verbrauchen viel Energie und ermüden dadurch schneller. Können explosiv Kraft freisetzen.

 

Interessante Fakten zu den Pferdemuskelfasertypen

 

Alle Muskeln bestehen aus Fasern aller 3 Typen, nur die Verteilung schwankt. Je nach Rasse kann die Verteilung der verschiedenen Muskelfasertypen enorm variieren.

Distanzpferde, wie z.B. Araber haben eine andere Verteilung der Fasertypen als z.B. das Quarter Horse, dessen Sprintstärke und explosive Kraft aus den Muskelfasern des Typ II A und B herrührt.

Pferde die einen hohen Anteil an Typ II Fasern besitzen, können deutlich schneller Muskulatur aufbauen.
Hengste haben häufiger mehr Muskelfasern vom Typ II A und weniger vom Typ II B.

Die Krankheit PSSM tritt häufiger im Muskelfasertypen II auf.

Durch richtiges Training werden alle Muskelfasertypen, mit denen dein Pferd ausgestattet ist, leistungsfähiger.

 

Kleine Übungen für das (Muskel-)Training

Es gibt nicht „die Übung“ für den Muskelaufbau. Genau wie wir im Fitnessstudio an den Geräten unterschiedliche Muskelgruppen trainieren, so gibt es auch beim Reiten verschiedene Übungen, die schwerpunktmäßig die unterschiedlichen Muskelgruppen trainieren.

 

Brust-, Bauch- Hals, Kruppenmuskulatur
Reiten oder Longieren über Cavaletti

Geräte: mehrere Stangen oder Cavalettis

Die Abstände der Stangen dem Tempo anpassen.

Abstände Walk over: Abstand 40-60 cm, Erhöhung max. 30 cm. Bei Erhöhungen sollte der Mindestabstand 55cm betragen.
Abstände Jog over: Abstand 90-105cm, Erhöhung max. 20cm
Abstände Lope over: Abstand 180-210cm, Erhöhung max. 20cm

Die Stangen in allen Tempi überreiten oder das Pferd darüber longieren.

Die Übung lockert das Pferd und kräftigt die Muskulatur. Der Schwierigkeitsgrad steigt mit dem Tempo und der Erhöhung der Stangen.

Cavaletti Hack
Ihr habt kein Cavaletti zur Hand? Mit diesem einfachen Hack könnt ihr euch welche basteln.
Ihr benötigt lediglich einige IKEA Baby-Töpfchen LILLA, die es in stylischem EWU Grün für 3,89 Euro bei Ikea zu kaufen gibt. Die Stangen einfach auflegen.

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Rücken- , Kruppenmuskulatur

Übergänge

Reiten im  Jog und Lope trainiert die Rücken und Kruppenmuskulatur.
Es gibt Unterschiede: beim Traben spannen sich abwechselnd die rechten und die linken Rückenmuskeln an. Bei der Arbeit im Galopp werden die Muskeln beinahe gleichzeitig gefordert.

Muskelarbeit wird vor allem bei den Übergängen gefordert: Die Bauch- und Rückenmuskulatur muss kontrahieren und die Hinterhand nimmt Last auf.
Gleichzeitig zum Krafttraining werden die Muskeln durch die Übergänge gelöst- das Pferd wird elastisch und locker.

Übung:

Auf dem Zirkel im Lope, an einem beliebigen Punkt einen Übergang zum Jog reiten, dabei durch den Zirkel wechseln, an der Zirkellinie weiter im Lope.

 

Hinterhand-, Bauch- und Kruppenmuskulatur

 

Rückwärtsgehen ist wahres Krafttraining für das Pferd. Richtig ausgeführt trainiert es die Rücken- und Hinterhandmuskulatur.
Das Pferd soll gleichmäßig,  auf leichte Hilfen, diagonal Rückwärtstreten. Nicht zu viele Tritte auf einmal verlangen und langsam steigern.

Steigerung der Übung – Rückwärtsrichten und antraben

Aus dem Rückwärtsgehen heraus nach vorne antraben. Dabei muss das Pferd Gewicht auf die Hinterhand aufnehmen, seinen Rücken aufwölben und sein, sowie das Reitergewicht, nach vorne bewegen.
Als weitere Steigerung kann man aus dem Rückwärtsrichten angaloppieren.

 

Literaturtipps:

Gillian Higgins: Anatomie, Gymnastizierung, Muskelaufbau: Die besten Übungen für Pferde am Boden: Die besten Übungen für Pferde am Boden

Anatomie verstehen – besser reiten: Bewegungsabläufe und Biomechanik sichtbar gemacht: Bewegungsablufe und Biomechanik sichtbar gemacht

 

Fotos & Grafiken © Shutterstock, hxpcom

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