Alfonso Aguilar – Horseman und Tierarzt

Portrait eines Horseman, der es versteht Pferde zu motivieren – mit Gefühl, gutem Timing und Verständnis für den individuellen Charakter jedes Pferdes. Und eines Tierarztes und Denkers, der fundiertes und wissenschaftliches Hintergrundwissen für seine Beziehungsarbeit mit Pferden zu nutzen weiß. 

 

Alfonso Aguilar ist 1963 in Mexico als Sohn eines Anwalts in eine große traditionsreiche Familie geboren worden. Sein Vater hielt schon immer Rennpferde und Alfonso wuchs mit diesen Pferden auf. Nach der Schule studierte er Tiermedizin und arbeitete kurz als Tierarzt auf einer Hühnerfarm. Doch es zog ihn nach Kalifornien, wo er die Chance hatte einige der großen Horseman, wie Bill Dorrance, Mike Bridges und Pat Parelli kennen zu lernen und mit ihnen zu arbeiten. Er kann sehr gut mit dem Rope umgehen und so war er auch auf den Brandings der Ranches immer eine willkommene Hilfe.

 

Dann kam ihm ein schlimmer Unfall dazwischen, er trennte sich den rechten Arm in einer Erntemaschine fast ab. Es gelang den Arm zu retten, aber schwere Arbeit war erst mal nicht mehr möglich. Im Nachhinein betrachtet, hält er den Unfall für eine Chance, die ihn dazu gebracht hat mehr mit dem Kopf, als mit den Muskeln zu arbeiten. Glücklicherweise erhielt Alfonso genau in dieser Zeit einen Ruf an die renommierte Universität von Davis in Kalifornien: Alfonso sollte angehenden Tierärzten beibringen, wie man mit Pferden umgeht. Diese Herausforderung brachte es mit sich, dass er begann die Arbeit der großen Horseman von der wissenschaftlichen Seite zu betrachten. Er musste Pferdeverhalten und Lernverhalten an der Uni erklären und vermitteln. Wie Lernen funktioniert, welche Arten des Lernens es gibt, wie man sie anwendet – das wurde für ihn zum Lebensthema.

 

Man kann sagen Alfonso hat zwei Seiten – auf der einen Seite ist er sehr analytisch und geht mit einem fundierten wissenschaftlichen Background an das Thema heran. In seinen Kursen dagegen ist er sehr praktisch und immer bemüht die Dinge für Pferde und Menschen verständlich zu halten. Bescheiden, wie er ist, wissen die meisten seiner Kursteilnehmer nicht einmal, dass er Tierarzt ist.

 

Nur wenn uns das Pferd verstehen kann, kann es von uns lernen

Im Kern geht es ihm darum eine Beziehung zwischen Pferd und Mensch aufzubauen, die auf Verständnis und Vertrauen beruht. Nur wenn uns das Pferd verstehen kann, kann es von uns lernen. Und all das, was wir von dem Pferd verlangen, muss es erst erlernen. „Die Pferde haben all die Bücher über Reiten nicht gelesen.“, wie es Ray Hunt immer ausgedrückt hat.

Wie wir ja alle wissen, gibt es keine Problempferde, sondern nur Pferde die ein Problem mit ihrem Menschen haben.

 

Man muss den Charakter eines Pferdes erkennen, um dann individuell mit diesem Pferd arbeiten zu können. Natürlich gibt es dazu Anhaltspunkte, die sich aus dem angeborenen Verhalten von Pferden ergeben: Pferde sind Fluchttiere und haben eine geringe Angstschwelle, das bedeutet wir müssen ihnen Sicherheit bieten. Pferde gehen von Natur aus gegen Druck, wir müssen ihnen beibringen dass Nachgeben besser ist, als dagegen zu kämpfen. Pferde haben Angst vor engen Räumen, wir müssen ihnen zeigen, dass ein Pferdeanhänger ungefährlich ist. Pferde brauchen die Herde, um zu überleben – wir können ihnen beibringen auch mit uns alleine sicher zu sein.

Pferde nehmen die Welt mit ihren Sinnen und aufgrund ihres angeborenen Verhaltens völlig anders wahr, es ist unsere Aufgabe sie zu verstehen und mit ihnen in einer für sie verständlichen Art und Weise zu kommunizieren.

Dabei geht es Alfonso niemals darum ein Pferd zu dominieren. Er arbeitet mit positiver Verstärkung. Korrekturen können in bestimmten Situationen nötig sein. Strafe stellt bestenfalls nur Verhalten ab, führt aber niemals zum Lernen.

 

Über die Jahre hat er ein schlüssiges System von Übungen für die Bodenarbeit entwickelt. (zu diesem Thema ist 2013 sein Buch „Professionelle Arbeit am Boden“ im WuWei Verlag erschienen) Aber er ist jederzeit bereit von dem System abzuweichen, wenn es die Situation erfordert. Es geht ihm nie darum, dass die Pferde etwas tun, sondern es ist ihm immer wichtig, dass die es gerne tun und wirklich verstanden haben.

 

Ich habe seine Arbeit in zahlreichen Kursen beobachten können und mich hat immer fasziniert, wie er es immer geschafft hat einen Weg zum Pferd zu finden und die Pferde schließlich zu überzeugen und niemals zu brechen. Man hat in seinen Kursen keine Angst Fehler zu machen, denn Fehler gehören zum Lernen dazu und die Atmosphäre ist immer heiter und freundlich.

Dabei ist mir auch über die Jahre aufgefallen, dass er dabei immer subtiler auf die Pferde einwirkt. Wo er früher auch mal mit Seil und Stick deutlich geworden ist, wartet er heute eher ab. Wobei Alfonso kein handauflegender Flüsterer ist, wenn’s nötig ist kann er auch sehr klar werden. Aber die Erfahrung zeigt, je besser das Timing und das Gefühl sind, je weniger muss man mit Druck arbeiten. Es geht ihm darum dem Pferd ein Angebot zu machen und jeden Schritt in die richtige Richtung wahrzunehmen und zu belohnen.

 

Pferde lesen und verstehen

 

Dabei ist es eben essentiell das Pferd zu „lesen“ und zu verstehen. Wo man bei dem einen Pferd sehr schnell vorgehen kann, braucht ein anderes viel mehr Zeit. Ein Pferd muss laufen und sich bewegen,  um lernen zu können, während manch hochblütiges Pferd „heiß“ läuft und das Hirn abschaltet. Bei dem einen Pferd ist eine klare Korrektur nötig, damit es zuhört, bei einem anderen würde genau diese Korrektur dazu führen, dass es geängstigt wird und nur an Flucht denkt.

Um den Stresslevel zu messen, arbeitet Alfonso zeitweise mit einem Pulsmessgerät. Da erlangt man erstaunliche Erkenntnisse. Das eine Pferd wehrt sich z.B. vor einem Hindernis heftig und hat dabei fast eine Ruhepuls, ein anderes sieht äußerlich ganz ruhig aus und der Puls rast. Man muss also lernen noch genauer hinzusehen und schätzt Pferde oft falsch ein. Es braucht viel Erfahrung, um den richtigen Weg zu finden.

 

Die Pferde sind meist sehr dankbar in Alfonso jemanden zu finden, der ihnen zuhört und sie versteht. Alfonso wiederum hilft den Besitzern ihr Pferd zu verstehen und ihm die passenden Signale zu geben. Er ist genau dass, was auch sein Freund Bill Dorrance immer war: der Anwalt der Pferde.

 

Ich habe eine Menge von Alfonso gelernt und bemühe mich, das in meinem Stall weiter zugeben. Ich glaube daran, dass Menschen und Pferde lernen können und daher habe ich die Ausbildung zu meinem Hauptthema gemacht.

Der einzige Wehrmutstropfen ist für mich manchmal mit anzusehen, wie gründlich Pferde missverstanden werden und wie ungerecht sie leider behandelt werden. Dabei hören sie nie auf uns verstehen zu wollen.

Ein großer Dank an Alfonso – Du hast mir dafür die Augen geöffnet.

 

Autor: Petra Roth-Leckebusch

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