Sommerekzem beim Pferd

Sommerekzem beim Pferd: Ursachen, Management und Forschung

Wenn im Frühjahr die ersten Gnitzen fliegen, beginnt für manche Pferde eine harte Zeit. Sie scheuern sich Mähne und Schweif blutig, die Haut entzündet sich, der Juckreiz lässt sie kaum zur Ruhe kommen. Das Sommerekzem ist die häufigste allergische Hauterkrankung beim Pferd – und obwohl es die am besten erforschte ist, gibt es bis heute keine einfache Heilung. Was es aber gibt: ein klares Bild davon, was im Körper passiert, und zwei vielversprechende Therapieansätze aus der aktuellen Forschung. 

Was das Sommerekzem eigentlich ist

Fachlich heißt das Sommerekzem Insect Bite Hypersensitivity (IBH) oder Culicoides-Hypersensitivität. Dahinter steckt eine allergische Reaktion auf die Speichelproteine stechender Insekten – kein Befall, keine Infektion, sondern eine überschießende Antwort des eigenen Immunsystems. Weltweit ist rund jedes zehnte Pferd betroffen, wobei die Häufigkeit stark davon abhängt, wie verbreitet die auslösenden Insekten in einer Region sind.

Bei einem gesunden Pferd hinterlässt ein Mückenstich höchstens eine kleine Quaddel. Beim Ekzemer erkennt das Immunsystem die harmlosen Speichelproteine fälschlicherweise als Bedrohung und fährt eine massive Abwehr auf. Es kommt zu starkem Juckreiz, Entzündung, Haarbruch und mit der Zeit zu verdickter, verkrusteter Haut. Immunologisch handelt es sich in erster Linie um eine Typ-I-Reaktion (also IgE-vermittelt, wie bei einer klassischen Allergie), an der nach neueren Erkenntnissen auch verzögerte Typ-IV-Komponenten beteiligt sind.

Zentral im Krankheitsgeschehen sind die eosinophilen Granulozyten – eine Sorte weißer Blutkörperchen, die sich in der Haut ansammeln und dort Schaden anrichten. Ihr wichtigster Schaltstoff ist das Botenmolekül IL-5. Genau dieser Punkt ist für die neuen Therapien entscheidend geworden.

Woran du es erkennst

Die ersten Anzeichen zeigen sich meist früh im Leben, oft schon zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr. Typisch ist der strenge saisonale Rhythmus: In den warmen Monaten quält der Juckreiz das Pferd, im Winter kommt die Haut zur Ruhe. Am Anfang stehen der starke Juckreiz und mitunter kleine Papeln oder Quaddeln an den Einstichstellen. Alles Weitere entsteht erst sekundär – durch das Scheuern: kahle Stellen (Alopezie), Schuppen, Krusten, aufgescheuerte, wunde Haut (Exkoriationen), dunklere Verfärbungen (Hyperpigmentation) und mit der Zeit eine verdickte, lederartige Haut (Lichenifikation).

Charakteristisch ist das Verteilungsmuster: Die Veränderungen sitzen entweder auf der Oberlinie – Mähnenkamm, Widerrist, Schweifrübe – oder auf der Unterseite an Bauchnaht und Brust, häufig auch beides. Sind Mähne und Schweif betroffen, bleiben oft nur ein kahler, verkrusteter Mähnenkamm und ein ausgedünnter „Rattenschweif“ übrig. Kommt es an der vorgeschädigten Haut zu bakteriellen Sekundärinfektionen – und das passiert häufig –, verstärkt das den Juckreiz zusätzlich, und ein Teufelskreis beginnt.

Ist es wirklich Sommerekzem?

Nicht jeder Juckreiz ist automatisch ein Sommerekzem – und genau deshalb gehört die Diagnose in tierärztliche Hände. Ähnlich aussehen können vor allem: die atopische Dermatitis (eine Allergie auf Umgebungsallergene wie Pollen, Hausstaub- und Vorratsmilben oder Schimmelpilze), eine Futtermittelallergie, bakterielle Hautinfektionen sowie Ektoparasiten wie Haarlinge, Läuse oder Chorioptes- und Psoroptesmilben.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Pferde nicht nur auf Insektenstiche reagieren, sondern gleichzeitig auf andere Allergene. Ein wichtiger Hinweis darauf: Wenn die Symptome im Winter nicht vollständig verschwinden, steckt meist mehr dahinter als nur die Insektenallergie. Wer das früh erkennt, kann gezielter gegensteuern.

Die Auslöser: vor allem Gnitzen

Hauptverursacher sind die Gnitzen der Gattung Culicoides – winzige, nur ein bis drei Millimeter große Mücken, die vor allem in der Dämmerung schwärmen. Daneben tragen auch Kriebelmücken (Simulium) sowie Fliegen und Bremsen zum Problem bei. Wichtig zur Einordnung: Gnitzen und Kriebelmücken werden umgangssprachlich oft in einen Topf geworfen, sind aber zwei verschiedene Insektengruppen. Als Hauptauslöser gelten weltweit die Gnitzen.

Weil diese Mücken feuchte Brutplätze und windstille Bedingungen brauchen, hat der Standort deines Pferdes direkten Einfluss: Ställe und Koppeln in der Nähe von Feuchtwiesen, Bächen oder Auwäldern bedeuten deutlich mehr Insektendruck.

Wer ist betroffen – und warum manche Pferde, andere nicht

Grundsätzlich kann jede Rasse erkranken. Überdurchschnittlich häufig trifft es ursprüngliche Rassen: Isländer, Friesen, Shire Horses, verschiedene Ponyrassen, beschrieben ist es aber auch bei Quarter Horses, Arabern und Warmblütern.

Besonders eindrücklich zeigt sich der Zusammenhang bei importierten Isländern: In Island selbst gibt es keine Gnitzen. Trifft das Immunsystem eines auf Island geborenen Pferdes erst auf dem europäischen Festland zum ersten Mal auf Gnitzen-Speichel, erkranken über 70 Prozent. Dabei gilt: Je jünger ein Pferd beim Export ist, desto geringer sein Risiko.

Die Veranlagung ist also erblich – aber nicht in dem Sinne, dass ein einzelnes Gen über das Schicksal entscheidet. Das Sommerekzem ist multifaktoriell: Umwelt und Genetik wirken zusammen. Studien schätzen die Erblichkeit je nach Population sehr unterschiedlich, von rund 10 bis 36 Prozent. Als ein genetischer Einflussfaktor wurde das Equine Leukozyten-Antigen ELA-W23 identifiziert. Praktisch heißt das: Ein Pferd kann die Veranlagung tragen und trotzdem sein Leben lang gesund bleiben. Ob das Ekzem ausbricht, hängt stark davon ab, wie es gehalten und gemanagt wird – und das ist eine gute Nachricht, denn genau hier kannst du ansetzen.

Management bleibt die Basis

So intensiv geforscht wird – der wichtigste Hebel im Alltag ist und bleibt das Management. Weil eine echte Heilung fehlt, geht es darum, den Kontakt mit den Insekten so gering wie möglich zu halten und die Haut zu schützen. Gut kontrolliert, bleiben viele Ekzemer nahezu beschwerdefrei.

Bewährt hat sich eine Kombination aus mehreren Bausteinen: eine gut sitzende Ekzemerdecke mit Bauch- und Halsschutz, die Aufstallung während der Hauptflugzeiten der Gnitzen in der Dämmerung, eine kluge Standortwahl fern von Feuchtbiotopen, der Einsatz geeigneter Repellents und eine schonende Hautpflege. Gerade beim Waschen gilt Zurückhaltung: Zu häufige oder zu scharfe Reinigung schädigt die Hautbarriere und macht das Problem eher schlimmer. Wer früh in der Saison beginnt – idealerweise schon, bevor die ersten Mücken unterwegs sind – hat es leichter als jemand, der erst reagiert, wenn die Haut bereits offen ist.

Zwei neue Wege aus der Forschung

Der eigentliche Fortschritt der letzten Jahre liegt bei den ursächlichen Therapien. Zwei immuntherapeutische Ansätze sind am weitesten gediehen.

Der erste setzt am Botenstoff IL-5 an. Da monoklonale Antikörper, wie man sie in der Humanmedizin gegen IL-5 einsetzt, beim Pferd wegen des Körpergewichts unpraktikabel wären, haben Forschende einen therapeutischen Impfstoff entwickelt. Er bringt das Pferd dazu, selbst Antikörper gegen sein eigenes IL-5 zu bilden. Das dämpft die Eosinophilen – und damit die Symptome. In der ersten placebokontrollierten Studie besserten sich bei knapp der Hälfte der geimpften Pferde die Symptome um mindestens die Hälfte, bei einem Fünftel sogar um drei Viertel; in der zweiten Impfsaison fiel der Effekt noch deutlicher aus (Fettelschoss-Gabriel et al.).

Der zweite Ansatz ist eine gezielte Allergen-Immuntherapie. Klassische Immuntherapien mit Ganzkörper-Extrakten der Mücken wirken kaum. Ein Team um Anneli Graner nutzte deshalb einen Pool aus neun gezielt hergestellten Einzel-Allergenen der Gnitze – verabreicht in nur wenigen Injektionen pro Jahr. Das Ergebnis: Im ersten Behandlungsjahr erreichten 67 Prozent der behandelten Pferde eine Besserung um mehr als die Hälfte (gegenüber 25 Prozent in der Placebogruppe), im zweiten Jahr waren es 89 gegenüber 14 Prozent (Graner et al. 2024).

Beide Ansätze zeigen überzeugende Studiendaten. Wichtig zur ehrlichen Einordnung: Sie sind noch nicht als breit zugelassene, überall verfügbare Standardpräparate im Markt – sie werden weiterentwickelt und klinisch geprüft. Für den Alltag bedeutet das: Der Hoffnungsträger auf eine ursächliche Behandlung ist real, aber die tägliche Grundlage bleibt bis auf Weiteres das Management.

Was du jetzt tun kannst

Wenn dein Pferd zu den Kandidaten gehört – ursprüngliche Rasse, feuchter Standort, erste Anzeichen von Scheuern –, lohnt es sich, früh in der Saison genau hinzuschauen und konsequent zu managen, statt zu warten. Und bei jedem konkreten Verdacht führt der Weg zum Tierarzt: Für eine gesicherte Diagnose, für die Abgrenzung zu anderen Hauterkrankungen und für die Frage, welche Behandlung im individuellen Fall sinnvoll ist. Die Forschung ist auf einem guten Weg – dein Pferd profitiert am meisten davon, wenn du beides zusammenbringst: solides Management heute und ein offenes Auge für das, was demnächst dazukommt.


Quellen

  • Graner A, Mueller RS, Geisler J, Bogenstätter D, White SJ, Jonsdottir S, Marti E (2024): Allergen immunotherapy using recombinant Culicoides allergens improves clinical signs of equine insect bite hypersensitivity. Frontiers in Allergy 5:1467245.
  • Fettelschoss-Gabriel A, Fettelschoss V, Thoms F et al. (2018): Treating insect-bite hypersensitivity in horses with active vaccination against IL-5. Journal of Allergy and Clinical Immunology 142:1194–1205.
  • Fettelschoss-Gabriel A, Fettelschoss V, Olomski F et al. (2019): Active vaccination against interleukin-5 as long-term treatment for insect-bite hypersensitivity in horses. Allergy 74(3):572–582.
  • Marti E, Novotny EN, Cvitas I et al. (2021): Immunopathogenesis and immunotherapy of Culicoides hypersensitivity in horses: an update. Veterinary Dermatology 32:579.
  • Dissertation TiHo Hannover: Untersuchung zur Vererbung des Sommerekzems beim Islandpferd (Heritabilität h² = 0,36).
  • Übersichtsdarstellungen: Thieme Vet, Laboklin.

Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei Verdacht auf Sommerekzem oder anderen Hautproblemen wende dich an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt.

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